Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Hildesheim e. V.

Wo kommen bloß die vielen Autos her und wie werden wir sie wieder los?

14.11.2025, Riedelsaal VHS Hildesheim, Prof. Andreas Knie, Mobilitätsforscher und Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, stellte sein neues Buch vor.

Prof. Andreas Knie vor Präsetatio
Vortrag Prof. Andreas Knie, Riedelsaal, VHS Hildesheim, 14.11.2025 © ADFC Hildesheim

Historischer Ausgangspunkt: Das “Laternenparker”-Urteil von 1966

Der Kläger hat seinen Lastkraftwagen, einen 2-Tonnen-Borgward-Lieferwagen, wiederholt nachts und über Sonntag vor und in der Nähe seines Hauses in Bremen auf der Straße abgestellt. Die Beklagte [die Stadt Bremen] untersagte ihm mit Verfügung vom 13. Juli 1957, den Lastkraftwagen auf öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen im Bereich der Stadtgemeinde Bremen, einschließlich solcher, an denen das Parken erlaubt ist, stehen zu lassen, wenn er Nacht- oder Feiertagsruhe hält. Für den Fall der Zuwiderhandlung drohte sie ein Zwangsgeld an.

Die Beklagte begründete ihr Vorgehen wie folgt: Das nächtliche Abstellen eines Kraftfahrzeugs sei kein Parken im Sinne der Straßenverkehrsordnung und werde durch den Gemeingebrauch an öffentlichen Wegen nicht gedeckt. … Auf die Anfechtungsklage hob das Verwaltungsgericht die angefochtenen Bescheide vom 13. Juli und 22. August 1957 auf. Die Berufung der Beklagten wies der Verwaltungsgerichtshof zurück. Er führte im Wesentlichen aus: Das ausgesprochene Verbot ermangele einer Rechtsgrundlage.

Dieser Ausschnitt stammt aus der Urteilsbegründung des Bundesverwaltungsgerichts von 1966. Das „Laternenparker“-Urteil (BVerwG, 4. März 1966, BVerwGE 23, 325) stellte grundsätzlich fest, dass das nächtliche Abstellen von Kraftfahrzeugen an öffentlichen Straßen zum Parken im Sinne der Straßenverkehrsordnung gehört. Die Stadt Bremen als Beklagte hatte den Prozess verloren. Das Parken im öffentlichen Raum war damit rechtens. Der öffentliche Raum wurde nun mit Autos gefüllt.

Fast 50 Jahre später: Die Debatte um den ruhenden Verkehr

Inzwischen sind fast 50 Jahre vergangen. Am 14.11.2025, im Riedelsaal der VHS Hildesheim, stellte Prof. Andreas Knie, Mobilitätsforscher und Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, sein neues Buch vor: „Wo kommen bloß die vielen Autos her und wie werden wir sie wieder los?“

Eingeladen zu dem Abend im gut gefüllten Riedelsaal hatten das Bündnis „Hildesheim will Radfahren“, der VCD, der BUND, der ADFC und Ameis Buchecke.

Prof. Andreas Knie präsentierte seine Thesen emotional anregend, zuweilen polemisch und vielleicht nicht immer ganz theoretisch fundiert.

In Deutschland gibt es aktuell rund 70 Millionen Fahrzeuge (davon 49 Millionen Pkw) bei 52 Millionen Führerscheininhabern. Der ruhende Verkehr blockiert viele öffentliche Flächen in den Städten. Alternative Verkehrsarten wie Fußgänger oder Radfahrer werden benachteiligt. 

 

Historie und Perspektive

Prof. Knie begann mit einer Geschichte der Automobilisierung Deutschlands: Ausgehend von der Idee des modernen Staates, jedem die Chance auf eigene Mobilität zu ermöglichen, über den Aufbau des Autobahnnetzes während und nach der NS-Zeit bis hin zum aktuellen Stand. Über Jahre gab es steigende Zahlen an Kraftfahrzeugen und gefahrenen Kilometern. Jedoch jetzt sieht er stagnierende und sinkende Verkaufszahlen, eine zurückgehende Nutzung und prognostiziert das langsame Ende der individuellen Motorisierung – unaufhaltsam, vielleicht auch ein wenig unbemerkt, wenn man nicht in der deutschen Autoindustrie beschäftigt ist.

 

Die Zukunft: Mobilität neu denken

In den Städten steigt der Fuß- und Radverkehr, wie seine Grafiken zeigen. Die Gesellschaft verändert sich. Auf dem Land, räumt er ein, ist ein autofreies Leben derzeit mit starken Einschränkungen verbunden. Sein Konzept für die Fläche: individuelle Zubringer zu sogenannten Hubs per Elektroroller, Taxi, Mobilitätsdienstleister oder autonomen Fahrzeug. Zwischen den Hubs fährt die Bahn. Und er fordert: Es ist Zeit, die Privilegien für das Automobil zu streichen – etwa die Dienstwagenbesteuerung, die Dieselsubventionierung und die kostenlose Überlassung des öffentlichen Raums in den Städten für parkende Autos.

Die Realität: Ein langer Weg

Bei den Anwesenden im Saal erntet er dafür überwiegend Zustimmung – sie sind ja deshalb auch zu dem Vortrag gekommen. In der Diskussion gibt er zu: Die Reduktion des individuellen Autoverkehrs ist eine langwierige Aufgabe, für die man kämpfen und sich engagieren muss. Die Gegner sind lautstark und gut organisiert. In der Politik „muss man den Sturm aushalten“, damit es Veränderungen gibt.

Auf die Frage zu Hildesheim antwortet er: „Es gibt bestimmte Regionen, da dauert es etwas länger.“

Mein Fazit

Ein vergnüglicher, unterhaltsamer Vortrag mit einer klaren Botschaft. Gefehlt hat mir persönlich der Bezug zu aktuellen ökonomischen Randbedingungen, die sicher ebenfalls Einfluss auf die Entwicklung der Motorisierung in Deutschland haben.

Steffen Abraham


https://hildesheim.adfc.de/neuigkeit/wo-kommen-bloss-die-vielen-autos-her-und-wie-werden-wir-sie-wieder-los

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